Prozesserklärung zum Boehringerprozess am 13.2.2012

Gestern morgen fand vor dem Amtsgericht Hannover der Prozess gegen eine weitere Boehringergegnerin statt.
Die Angeklagte verlas zu Beginn der Verhandlung die nachfolgende Erklärung und verließ im Anschluss den Gerichtssaal.
Sie wurde in Abwesenheit zu 25 Tagessätzen verurteilt.
Eine Unterstützerin erhielt ein Ordnungsgeld in Höhe von 300 Euro, weil sie sich weigerte bei der Urteilsverkündung aufzustehen.

„Als eine von vielen stehe ich heute vor dem Amtsgericht Hannover. Vorgeworfen wird mir vor knapp 2 ½ Jahren das Baugelände eines sich im Bau befindlichen Tierversuchslabors der Firma Boehringer Ingelheim besetzt zu haben und dort gegen den Bau dieses Versuchslabors protestiert zu haben.
Ich soll dies in einer Gruppe von mehreren Menschen getan haben. Gegen 6 dieser Menschen haben bisher schon Prozesse stattgefunden und alle wurden zu einer Geldstrafe von 35 bis 40 Tagessätzen verurteilt.
Obwohl die letzten Prozesse deutlich gezeigt haben, dass es irrelevant für den Ausgang des Verfahrens ist, wie die Angeklagten sich verteidigen, beim letzten Prozess im November 2011 wurde der Angeklagte, als er seine prozessualen Rechte wahrnehmen wollte, in Ordnungshaft gesteckt, und mit welchen Sachverhalten sie argumentieren, möchte ich dennoch ein paar Worte sagen:

Bei dem Gelände, dass ich 2009 besetzt haben soll und weswegen ich jetzt vor Gericht stehe, handelte es sich um das Baugrundstück für eine europäisches Tierimpfstoffzentrum des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheims.
In diesem Labor sollen anfangs nur an Schweinen, später auch an Rindern, Impfstoffe getestet werden, die gedacht sind, Krankheiten, die überwiegend in der Intensivtierhaltung auftreten, zu bekämpfen. Durch diesen Impfstoff können Krankheiten im Vorfeld eingedämmt werden und es wird so möglich sein mehr Tiere, als sowieso schon, auf engen Raum zusammenzupferchen. so ist es möglich den Profit der Intensivtierhaltung auf Kosten der Tiere zu steigern.
Dass es der Firma Boehringer Ingelheim bei der Entwicklung neuer Impfstoffe nicht um das Wohl der Tiere geht, sondern lediglich um die Profitsteigerung , wird schon daran klar, wie mit den Versuchstieren umgegangen wird. Die Schweine werden in einen unterirdischen Raum gesperrt, wo sie in ihrem ganzen Leben weder Tageslicht, noch Frische Luft haben, werden vorsätzlich mit Krankheiten infiziert und sterben nach wenigen Monaten einen qualvollen Tod.
Auch in der Massentierhaltung, für die Boehringer diese Impfstoffe erforscht und herstellen will, wird mit dem leben der Tiere ebenso umgesprungen.
Auch in der Massentierhaltung werden die Tiere bis zur Schlachtung, die bereits nach wenigen Monaten oder Wochen geschieht, in enge Hallen zusammengepfercht, die ihnen jegliche natürliche Verhaltensweisen verweigert. Die Tiere vegetieren dort die kurze Zeit ihres Lebens vor sich hin. Durch die hohe Anzahl von Tieren auf engem Raum sind Krankheiten und Verletzungen in diesen Anlagen normal. Schweine neigen in der Massentierhaltung zum Kannibalismus, da die von Natur neugierigen und intelligenten Tiere in Gefangenschaft mangels Platz keine Möglichkeit haben diese Neugierde zu befriedigen und s aus Langeweile aggressiv werden. Auch auf Hühner, die in der Intensivtierhaltung zu zehntausenden in Hallen gepfercht werden, wirkt sich die Gefangenschaft negativ aus. Hühner, die in Gruppen zusammenleben, legen mittels Hacken eine Rangordnung untereinander fest. Hühner können sich jedoch lediglich 40 Gruppenmitglieder merken. Da in den Hallen durchschnittlich 40000 Tiere auf engen Raum leben, treffen die Hühner immer wieder auf ihnen unbekannte Artgenossen. Dies führt dazu, dass die Tiere pausenlos aufeinander rumhacken und viele Tiere verletzt werden oder sterben. Es wird deswegen von Menschen, die in dieser Branche tätig sind, von vornherein eine prozentuale Sterberate mit eingerechnet.
Durch die von Boehringer geplanten Impfstoffe kann diese Art der Tierhaltung noch optimiert werden. Für die Tiere bedeutet das ein noch qualvolleres und unwürdigeres Leben, als sie es jetzt sowieso schon gezwungen sind zu führen.

Dass Boehringer Ingelheim für die Profitsteigerung des eigene Konzerns nicht nur die Qual der Tiere in Kauf nimmt, sondern, dass ihnen auch Menschen und die Zerstörung der Umwelt scheiß egal sind, hat sich in der Vergangenheit deutlich gezeigt und wird durch den Bau des europäischen Tierimpfstoffzentrums in Hannover noch einmal bestätigt.
Wie schon erwähnt fördert Boehringer Ingelheim mit dem Bau des Labors und der anschließenden Entwicklung von Tierimpfstoffen die Optimierung der Massentierhaltung. Neben dem Leid der Tiere, werden damit auch die Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und die Zerstörung der Umwelt und des Klimas von dem Konzern in Kauf genommen.
Um das Futter für die Tiere in den Mastanlagen und in dem Versuchslabor anzubauen, werden vor allem in Südamerika riesige Flächen Regenwald gerodet, um dort gentechnisch verändertes Soja anzubauen. Die Menschen, die dort im und am Rande des Regenwaldes gelebt und Landwirschaft betrieben haben, sind aufgrund der Übermacht von großen Konzerne, die ihr Geld mit dem Anbau und dem Export von Tierfuttermittel verdienen, gezwungen ihren Wohnort zu verlassen. Viele dieser Menschen, die durch kleine landwirtschaftlicher Betriebe und den Anbau von Grundnahrungsmitteln autark gelebt haben, werden so ihrer Lebensgrundlage beraubt.
Diejenigen, die sich gegen die Futtermittelkonzerne und den von diesen betriebenen Landraub auflehnen, werden von den Konzernen, aber auch vom Staat bekämpft und oftmals inhaftiert oder sogar getötet.
Aber auch die Menschen, die sich dem Willen der großen Konzerne leugnen, den Sojaplantagen Platz machen und sich am Rande der Sojafelder ansiedeln, müssen negative Folgen in Kauf nehmen. Da die für Futtermittel angebaute Sojapflanze gentechnisch verändert ist, ist sie im Gegenteil zu Tieren und Pflanzen, die neben der Sojapflanze exsistieren, resistent gegen schemsiche Pestizide. Diese werden in großen Mengen über den Feldern mittels eines Flugzeuges verteilt. Durch den Einsatz von Flugzeugen verteilen sich die Pestizide nicht nur auf den Feldern, sondern auch in der Umgebung. Bei Menschen verursachen diese Pestizide Hautverätzungen und Atemwegserkrankungen, für die besonders Kinder und alte Menschen anfällig sind.
Aber nicht nur Menschen in anderen Ländern, zu denen die meisten in diesem Land keinen Bezug haben, sind von der Profitgier Boehringers betroffen.
Auch die Menschen, die in der Nähe des Labors leben werden (und das sind viele, weil das Labor mitten in einer Wohnsiedlung stehen wird) sind gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Da in dem Labor mit auch für Menschen gefährlichen Viren experimentiert wird, besteht die Gefahr, dass diese aus dem Labor austreten und Krankheitsepidemien hervorrufen.
Auch an der durch die Massentierhaltung bedingten Umwelt- und Klimazerstörung beteiligt sich Boehringer Ingelheim durch die Förderung dieser mit neuen Medikamenten.
Wie schon erwähnt werden für den Futtermittelanbau riesige Flächen Regenwald gerodet und damit unwiderruflich zerstört. Auch in den europäischen Ländern werden Wälder gerodet und Landschaften zerstört, um neue Mastanlagen und Schlachthöfe zu bauen.
Aber auch der Klimawandel wird durch die Massentierhaltung gefördert. 18 % des von Menschen verursachten Klimawandels ist durch die Massentierhaltung bedingt. Vor allem durch den transport der Tiere zu den Mastanlagen und zu den Schlachthöfen und durch den Import von Futtermitteln werden Unmengen des Klimagases CO² ausgestoßen.
Es gibt noch weitaus mehr negative Folgen der Massentierhaltung,derer sich Boehringer durch die Förderung dieser mitschuldig macht, aber diese alle jetzt aufzuführen würde den Rahmen sprengen.

Nicht nur mit dem Bau des Labors, sondern auch in der Vergangenheit hat Boehringer Ingelheim bewiesen, dass Ihnen das Wohlergehen von Menschen nicht am Herzen liegt.
Der Konzern Boehringer Ingelheim verkaufte in den 60er Jahren das Know how zur Herstellung von Dioxinen an die amerikanische Firma Dow Chemical. Dieses Know how wurde von Dow Chemical dazu genutzt das Entlaubungsmittel „Agent Orange“ herzustellen, welches im Vietnamkrieg großflächig eingesetzt wurde und dort für den Tod und Krankheit vieler Menschen verantwortlich war. Diese Tatsache wurde von Boehringer lange Zeit geheim gehalten und erst in den 90er Jahren von der Konzernleitung öffentlich zugegeben.
In Deutschland betrieb Boehringer ein Herbizidwerk in Hamburg- Moorfleet, durch dessen Dioxinaussstoß in den 80er Jahren viele der dort angestellten Menschen an Krebs erkrankten und starben.
Ein weiterer Beweis für die Stützung der These, dass Boehringer Ingelheim das wohlergehen von Lebewesen egal ist, ist die beantragte Patentierung eines Arzneiwirkstoffes, welcher der Behandlung von HIV dient. In Indien wird derzeit ein ähnlicher kostengünstigerer Wirkstoff hergestellt, welcher in Afrika für die Behandlung von HIV- infizierten Kindern genutzt wird.
Sollte Boehringer das Patent für diesen Wirkstoff erhalten, ist eine Herstellung des kostengünstigen Generika nicht mehr möglich und Menschen in ärmeren Ländern könnten nicht mehr behandelt werden Schon jetzt droht Boehringer den Herstellern des kostengünstigen Präparats mit Geldstrafen und rechtlichen Schritten.

Gegen das geplante Tierversuchslabor in Hannover hat es in den vergangenen Jahren massiven Protest gegeben. Einerseits von menschen, die direkt von den Auswirkungen des Labors bedroht sind, weil sie in der näheren Umgebung leben, andererseits von Tierrechts- und Umweltaktivisten, die das Labor aufgrund der bereits aufgeführten Tatsachen verhindern wollten und Boehringer Ingelheim öffentlich dafür anprangerten.
Aufgrund der negativen Auswirkungen die der Bau und die Inbetriebnahme des Versuchslabors haben wird, würde jeder Mensch bei klarem Verstand den Protest gegen ein solches Vorhaben für legitim und wichtig erachten.
Dennoch wurde und wird immer noch versucht Menschen, die sich gegen Boehringer Ingelheim engagiert haben, mundtot zu machen, indem sie für ihr Engagement vor Gericht gestellt und bestraft werden.
Dies ist jedoch eine auch realistischer Sicht logische Konsequenz.
Wir leben in einer kapitalistischen Welt, in der es um Gewinn- und Machtsteigerung geht.
Daraus resultiert, dass eine durch Profitmaximierung einhergehende Machtsteigerung, im Fall Boehringer bedeutet diese erhoffte Gewinnsteigerung durch das Versuchslabor in Hannover eine höhere Machtposition im Pharmabereich und somit eine größere Einflussnahme auf die Menschen, die auf Pharmaerzeugnisse angewiesen sind, über den Interessen an der Umwelt und an den Menschen, die an der kapitalistischen Welt wenig teilhaben können oder wollen, steht.
Um einer Interessenverschiebung, die durch Proteste und dem Aufzeigen von negativen Konsequenzen versucht wird zu erzielen, vorzubeugen, werden diejenigen, die es wagen die negativen Folgen auszusprechen, vor Gericht gestellt und bestraft.

Da mir dies alles bewusst ist und weil die vorhergegangenen Prozesse es zur genüge gezeigt haben, ist es aussichtslos mich hier vor Gericht zu verteidigen.
Ich weiss, dass ich schuldig gesprochen werde und ich weiss auch welche Strafe ich erhalten werde. Das Urteil liegt vermutlich bereits fertig in der Schublade von Herrn Süssenbach.
Ich sehe diesen Prozess als eine Zeitverschwendung, bei dem meine Anwesenheit weder erwünscht, noch erforderlich ist und habe mich deswegen entschlossen an der Verhandlung nicht teilzuhaben!“